Schweizer Autobauer, Teil 1: Sbarro

20.05.2014 |  Von  |  Allgemein, Auto
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Schweizer Autobauer, Teil 1: Sbarro
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Franco Sbarro ist ein italienischer Designer, welcher im Jahr 1967 in Grandson/Schweiz ein Unternehmen für den Bau von Automobilen gegründet hat. Bekannt ist Sbarro vor allem durch seine äusserst extravaganten Entwürfe, welche häufig die technischen Grenzen des Automobilbaus ausloten. Neben den optisch wie technisch höchst innovativen Fahrzeugen hat sich Sbarro auch mit dem Nachbau klassischer Fahrzeuge international einen Namen gemacht.

Neue Klassiker von Sbarro



Der grösste Wurf ist Sbarro 1979 mit dem Nachbau des legendären Bugatti Royale gelungen. Dieses Fahrzeug wurde von der renommierten Autoschmiede Bugatti im Zeitraum von 1926 bis 1933 produziert und sollte von der ersten Schraube an ein Fahrzeug für Könige sein. Technisch äusserst aufwendig und keine Kosten scheuend, war der Bugatti Royale in seiner Zeit tatsächlich die Krone der Automobilkunst. Leider erfüllte sich der erhoffte Markterfolg nicht und der grosse Bugatti wurde zu einem der Sargnägel für das Unternehmen.

Dies ist ein Bericht in 2 Teilen:

Teil 1: Schweizer Autobauer – Sbarro

Teil 2: Schweizer Autobauer – Rinspeed

Dennoch – die historische Bedeutung dieses Meisterstücks der frühen Automobilkunst im Bewusstsein, machte sich Sbarro daran, den Royale wiederauferstehen zu lassen. Im Ergebnis war es ein optisch äusserst nah am Original gehaltenes Ergebnis. Technisch mussten allerdings Abstriche gemacht werden. Vor allem der Motor war mit Sbarros Mitteln nicht herstellbar. So behalf man sich mit zwei hintereinandergeschalteten Achtzylindertriebwerken von Rover. Was an Originalität bei Sbarros Royale fehlte, konnte er mit Leistung und technischer Finesse wieder ausgleichen: Seine Lösung hatte sieben Liter Hubraum und sagenhafte 16 Zylinder.





Bugatti Royale (Bild: Beltane43, Wikimedia, CC)

Bugatti Royale (Bild: Beltane43, Wikimedia, CC)

Ein anderer Nachbau eines klassischen Fahrzeugs von Sbarro war der BMW 328 von 1937–1939. Rund 35 Jahre später präsentierte Sbarro eine Replik dieses legendären Rennwagens aus der Münchner Autoschmiede. Anders als beim Bugatti Royale hat Sbarro hier lediglich auf eine authentische Optik Wert gelegt. Sowohl die verwendeten Materialien als auch die eingesetzte Technik waren zeitgemäss.

Im Ergebnis war der BMW 328 von Sbarro ein moderner Roadster im Look einer klassischen Karosserie. Diese war jedoch aus GfK gefertigt. Puristen mögen darüber die Nase rümpfen, der Exklusivität dieser Fahrzeuge tat dies jedoch keinen Abbruch. Der 328 war deshalb auch ein grosser kommerzieller Erfolg für Sbarro. Über 160 handgefertigte Fahrzeuge verliessen die Hallen und sind mittlerweile ihrerseits zu sehr gesuchten Klassikern gereift.

Exklusivität auf Bestellung



Was Bugatti verwehrt blieb, wurde zu einem der Markenzeichen Sbarros. Der Ruf der Königshäuser erreichte die Hallen von Grandson, und sowohl König Khaled von Arabien als auch der König von Marokko orderten bei dieser Schweizer Ausnahmefirma Autos für die Jagd. Für den arabischen König griff Sbarro zum Range Rover und stattete ihn mit einer zusätzlichen Achse, einem Sechsradantrieb und einer Mercedes-Benz-Maschine aus.



Der „Windhund“ und der „Windfalke“ verbreiteten den Ruf Schweizer Automobilkunst weit in den Nahen Osten hinein. Beim spektakulären Auftreten dieser gewaltigen Jagdmaschinen ist das auch kein Wunder. Qualität, Exklusivität und Präzision bei einem Fahrzeug, mit dem in Höchstgeschwindigkeit durch die Wüste gerast werden kann – das aber gleichzeitig ein so ruhiges Fahrwerk besitzt, dass aus dem fahrenden Auto geschossen werden kann –, das heisst schon etwas.

Einen anderen Ansatz verfolgte Sbarro bei der Bestellung für den König aus Marokko. Hier wurde ein Rolls-Royce zu einem Vollcabriolet ohne Türen umgebaut. Auf das Notwendigste reduziert, war in diesem Fahrzeug das freie Hantieren mit Langwaffen besonders einfach. Beide Königshäuser waren überaus zufrieden mit Sbarros Arbeit.

Technische Grenzbereiche

Das Gros von Sbarros Entwürfen geht aber in die Prototypen, mit denen er technische Grenzbereiche ausloten will. Geradezu harmlos wirkt in dieser Reihe der Sbarro Shahin von 1983. Als die Tuning-Welle mit aufgeklebten Spoilern, angenieteten Verbreiterungen und dunkel eingesprühten Heckfenstern erst so richtig Fahrt aufnahm, da zeigte Sbarro der Tunerszene, wo „der Frosch die Locken hat“.

Mit Manta, Scirocco und Capri gab sich Sbarro gar nicht erst ab. Wenn schon ein Sportwagen getunt werden sollte, dann doch bitte einer vom oberen Ende der Skala. So nahm sich Sbarro den Mercedes 500 SEC vor und dengelte daraus ein automobiles Meisterstück. Mit weit ausladenden Flügeltüren, einer skurrilen, aber ästhetischen Lamellen-Verblendung der Frontpartie und zahlreichen anderen Extras kann diese Interpretation des Spitzenmodells von Mercedes als Denkmal für den Hedonismus der 1980er-Jahre herhalten.

Sbarro Autobau Concept – Genfer Autosalon 2010 (Bild: Alexander Plushev, Wikimedia, CC)

Sbarro Autobau Concept – Genfer Autosalon 2010 (Bild: Alexander Plushev, Wikimedia, CC)

Die Entwurfsvielfalt von Sbarro ist spektakulär, wie auf dieser Website zu sehen ist. Häufig stellen sich ein Schmunzeln und ein Lachen ein, wenn man sich fragt, was den Meister wohl beim Bau eines Urbi, eines Windy Baby oder eines Soucoupe Rolante geritten haben mag. Entwürfe wie der des Espera Evoluzione, Brescia oder Osmos zeigen wiederum deutlich, wozu diese Ausnahmefirma imstande ist.

Auch heute noch sind Sbarros Entwürfe nicht über jegliche Kritik erhaben. Mit harten Worten verurteilte eine grosse deutsche Boulevardzeitung den Designer als „die grösste Niete vom Genfer Autosalon„, als der zugegebenermassen gewöhnungsbedürftige Entwurf „Autobau“ präsentiert wurde. Aber so irritierend die Kreationen von Sbarro auch stellenweise sein mögen, eines verbindet sie alle: Mut, Leidenschaft und der Wille, das Auto immer wieder komplett neu zu erfinden.



 

Oberstes Bild: Sbarro beim Genfer Auto-Salon 2013 (© Norbert Aepli, Wikimedi, CC)



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