Ost-Oldtimer: Die etwas anderen Klassiker

06.06.2014 |  Von  |  Allgemein, Auto
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Ost-Oldtimer: Die etwas anderen Klassiker
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Der Run auf Oldtimer ist ungebrochen, die Preisentwicklung für die begehrtesten Klassiker teilweise absurd. Renditen von mehreren 100 % – auf die letzen 15 Jahre hin gesehen – sind bei einigen Typen durchaus normal. Fälle wie der Mercedes 300 SL oder italienische Sportwagen von vor 1975 erzeugen eine starke Sogwirkung auf alles, was den Nimbus des alten Blechs zu schätzen weiss. Das zeigt nunmehr auch verstärkt bei Marken und Typen Wirkung, bei denen man es niemals erwartet hätte.

Dies gilt vor allem für die Autos aus den ehemals sozialistischen Staaten. Was diesen Fahrzeugen an stilistischer Raffinesse, technischer Ausgefeiltheit oder beeindruckender Fahrleistung fehlt, machen sie mit einem anderen Aspekt wieder wett. Die Autos des Ostblocks sind Geschichte und Zeitzeugen in Reinform. Bei immer mehr grundsanierten Städten, gesprengten Plattenbauten und vergessenen Lebensumständen sind die Autos die einzigen handfesten Überlebenden aus einer Zeit, in der vieles einfach anders war.



Der klassischste aller Ostblock-Oldtimer ist mit Abstand der Lada Shiguli. Eigentlich dürfte der Wagen nicht als russisches Fahrzeug gelten, denn er ist „lediglich“ ein Lizenzbau des Fiat 124 von 1966. Dennoch, typischer als voller kantiger Nova, 2101 oder 2105 kann eine russische, polnische oder mongolische Strasse kaum aussehen. Technisch und optisch war der Lada Shiguli, wie er in Russland genannt wurde, quasi in seiner gesamten Bauzeit unverändert geblieben. Es gab ihn als Kombi und als Limousine, das war´s.

In der ehemaligen DDR war der Lada ein Wagen für die Elite. Im Westen hingegen war er nur von den härtestgesottenen Individualisten gefragt, welche sich auf das Abenteuer mit einem sozialistischen Auto einlassen wollten.

Das Standardfahrzeug der DDR war der Trabant. Er steht auf seine ganz persönliche Weise für die legendäre Schaffenskraft und Ingenieurskunst aus Deutschland. Im Gegensatz zu den westlichen Kollegen hatten die DDR-Entwickler im wahrsten Sinne des Wortes nichts, woraus sie den Trabant hätten fertigen können. Blech war Mangelware, und die wenigen Tonnen, welche verfügbar waren, gingen in den Export, den Schiffbau oder in die Rüstung. Für die Massenmotorisierung blieb da einfach nichts mehr übrig.

Also wurde ein Auto aus dem gebaut, was verfügbar war, und dies war im Fall des Trabants eben in Kunststoff eingehüllte Pappe. Über Sicherheitsstandards braucht man in einem Pappauto nicht zu philosophieren. Was bliebt, ist der Respekt vor der Ingenieursleistung.





Trabant P50 (Bild: Bocman1973 / Shutterstock.com)

Trabant P50 (Bild: Bocman1973 / Shutterstock.com)




Doch auch die anderen Ostblock-Staaten blieben nicht untätig. Allen voran war die damalige Tschechoslowakei in der Entwicklung einer eigenständigen Fahrzeugkultur führend. Die dort entwickelten Fahrzeuge sind heute zu Recht heiss begehrt. Technisch und im Design gingen die Ingenieure von Skoda und Tatra Wege, die im Westen kaum einer beschreiten wollte.

Das Skoda Felicia Cabriolet steht in Ästhetik, Fahrleistungen und Flair einem Karmann Ghia oder Alfa Romeo Spider in nichts nach. So ist das hübsche, kleine Auto auch heute noch als Drittwagen des Hobbyschraubers zur Beruhigung der Gattin bestens geeignet. Ein wenig lastet dennoch der Ostblock-Nimbus auf diesem putzigen Auto. Im Gegensatz zu den benannten Konkurrenzmodellen ist der Felicia dadurch aber noch absolut bezahlbar.

Skoda Felicia Cabriolet (Bild: Bocman1973 / Shutterstock.com)

Skoda Felicia Cabriolet (Bild: Bocman1973 / Shutterstock.com)

Wenn es hingegen darum geht, ein Auto zu besitzen, welches in Design und Technik einzigartig ist, dann sollte man sich bei der Marke Tatra umsehen. Tatra, benannt nach dem Gebirge in der slowakischen Region, hat als Flugzeughersteller begonnen, sich später aber vor allem mit spektakulären LW einen Namen gemacht. Die Automobile dieser Marke sind auf ihre Art ein echtes Highlight. Eindeutiger als bei Tatra wurden die aviatischen Wurzeln bei keinem anderen Fahrzeughersteller ins Design übernommen. Dies gipfelte in Versuchen mit Autos, welche durch einen Druckpropeller angetrieben wurden.

Dies setzte sich natürlich auch im Osten nicht durch. Wohl aber war der „Tatraplan“ Tatra 600 durch eine charakteristische Finne gekennzeichnet, welche noch als regelrechtes Leitwerk ausgeformt war. Aus dem Tatra 600 ist eine Generation später der Tatra 603 geworden; er avancierte zum Liebling der politischen Eliten des gesamten Ostblocks. Hatten die Amerikaner den V8 entwickelt, setzte Tatra ebenfalls einen 8-Zylinder-Motor entgegen, nur eben in der Boxerbauweise. Obendrein war das breite, liegende Triebwerk im Heck des Tatra 603 untergebracht, was den Ingenieuren eine besondere Gestaltungsfreiheit ermöglichte.





Tatra 603 der ersten Serie (Bild: Michal Maňas, WIkimedia, CC)

Tatra 603 der ersten Serie (Bild: Michal Maňas, WIkimedia, CC)

Heraus kam ein mächtiger Wagen, welcher mit seinen geschwungenen Linien und Chromorgien seinen amerikanischen Klassenfeind-Modellen in Auftritt und Wirkung in nichts nachstand. Gerade dem Tatra 603 sagen Fachkreise eine geradezu explosionsartige Preisentwicklung voraus. Noch sind sie ab 8000 Franken zu haben.

Wer die Oldtimerei im ursprünglichen Individualismus wiedererleben möchte, der schlägt mit diesem Wagen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Mehr Verbindung von Stattlichkeit, interessanten Fahrleistungen und Originalität geht kaum. Neben dem Tatra 603 sehen selbst Citroen SM, Studebaker Avanti und Facel Vega geradezu gewöhnlich aus.

Wer mutig über den Tellerrand des elitären Oldtimer-Establishments hinausblickt, findet im ehemaligen Osten Fahrzeuge, welche neben interessanter Technik und einzigartigem Design vor allem eines bieten: Zeitgeschichte. In einem schwarzen Lada Shiguli kann man KGB-Patrouillen ebenso nachfühlen wie in einem Moskwitch die Fahrt zur Parteizentrale. Diese Autos werden seltener, und sie werden wertvoller. Jetzt ist die Zeit, die eigene Sammlung um einen solchen Schatz zu erweitern.



 

Oberstes Bild: Der klassischste aller Ostblock-Oldtimer ist mit Abstand der Lada Shiguli. (© Bocman1973 / Shutterstock.com)


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