Motorrad-Lärm – darf es ein bisschen mehr sein?

22.06.2014 |  Von  |  Motorrad
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Motorrad-Lärm – darf es ein bisschen mehr sein?
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Das Wetter wird zunehmend stabiler sommerlich. Genau die richtige Zeit für die vielen Fans der motorisierten Zweiräder, die jetzt wieder landauf und landab aus so manch beschaulicher Piste inmitten von Grün und Bergen wieder eine Ausfahrstrecke für knatternde Gefährte aus einer scheinbar anderen Zeit werden lassen.

Was in der Autoindustrie zunehmend schicker wird, geht an der Entwicklung der Motorräder vorbei. Hier will kaum jemand etwas von Lärmbeschränkung, geschweige denn einem fast schon säuselnd leisen Motorengeräusch wissen. Was das Motorradfahren für viele Fans erst richtig interessant macht, ist die Verbindung von schier unzügelbarer Kraft mit einer Geräuschkulisse, die Mensch und Tier gleichermassen in die Flucht schlagen kann.



Initiative gegen Lärmbegrenzung gescheitert

Der Vorstoss der Umweltkommission im Nationalrat wurde von eben diesem zurückgewiesen. Inhalt der Motion war die Forderung, auch für ältere Motorräder Umrüstungen zwingend zu machen, die für leisere Motorengeräusche sorgen können. So hat praktisch jeder Töff-Fahrer ein Recht auf Lärm, selbst wenn beteuert wird, es gäbe kein Recht auf eine übermässige Lautstärke. Auch nicht bei älteren Motorrädern.

Trotzdem wendet sich der Nationalrat dagegen, per Verordnung der teils unüberhörbar störenden Geräuschkulisse ein Ende zu bereiten. Die Umwelt ärgert’s, die passionierten Motorradfahrer freut’s. Immerhin tuckern oder rasen die teilweise schon seit Jahrzehnten mit ihren manchmal knatternden und manchmal brüllenden Maschinen durch die Landen.

Ab 2017 könnte einiges anders werden



In der EU wurde das Problem bereits erkannt. Während es schon seit Jahren für so ziemlich alle Geräuschemissionen eine Regelung gibt, waren davon die Motorräder ausgenommen, sofern Sie technisch den Zulassungsbestimmungen entsprachen. 2017 könnte damit dann aber auch Schluss sein. Dann nämlich verschärft die EU die Lärmschutzregeln für neue Motorräder.

Dass dann die alten immer noch lärmen dürfen, macht die Freude der Schweizer über diese Regelung geringer. Zwar wird sich die Schweiz den verschärften EU-Regelungen anschliessen, aber eine Handhabe gegen die bis dahin zugelassenen Krachmacher gibt es dann immer noch nicht.

Wer sich den Lebenszyklus eines Motorrades genauer anschaut, weiss, wovon hier die Rede ist. In aller Regel sind die Zweiräder Freizeitfahrzeuge und werden entsprechend selten ausgeführt und entsprechend aufwendig gepflegt. So kann ein Motorrad durchaus mehrere Jahrzehnte auf der Strasse unterwegs sein. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass auch nach 2017 für zumindest weitere 30 Jahre mächtiger Lärm auf den bei den Töff-Fans beliebten Pisten gerade in der bergigen und kurvenreichen Schweiz sein dürfte.



Also kein Grund zur Freude für jene, die nun bis 2017 auf ihre lang ersehnte Ruhe warten. Die werden sie so schnell nicht bekommen.

Ein Recht auf Lärm gibt es tatsächlich nicht. Allerdings lässt sich Lärm nur dort verbieten, wo er auch technisch oder aus vernunftsbestimmten Gründen ausgeschlossen oder vermieden werden kann. (Bild: Ilya Andriyanov / Shutterstock.com)

Ein Recht auf Lärm gibt es tatsächlich nicht. Allerdings lässt sich Lärm nur dort verbieten, wo er auch technisch oder aus vernunftsbestimmten Gründen ausgeschlossen oder vermieden werden kann. (Bild: Ilya Andriyanov / Shutterstock.com)

Was ist nun mit dem Recht auf Lärm?

Ein Recht auf Lärm gibt es tatsächlich nicht. Allerdings lässt sich Lärm nur dort verbieten, wo er auch technisch oder aus vernunftsbestimmten Gründen ausgeschlossen oder vermieden werden kann. So gilt eigentlich auch für Motorräder wie für alle anderen Motorfahrzeuge, dass unnötige Fahrten zu vermeiden sind. Zumindest der Artikel 42 des Strassenverkehrsgesetzes regelt klar, dass vermeidbare Belästigungen von Mensch und Tier zu unterlassen sind.

Eine solch vermeidbare Belästigung tritt spätestens dann ein, wenn ausser den typischen Freizeitfahrten ohne eigentlich erforderlichen Grund auch noch technische Veränderungen an Abgassystemen und am Motormanagement vorgenommen werden mit dem Ziel, eine ohnehin schon laute Maschine vielleicht noch einen Tick lauter zu machen.

Hier wäre eigentlich die Grenze des Verträglichen und Vertretbaren bereits überschritten. Allerdings haben sich sowohl Gesetzgeber als auch Gesetzeshüter in den letzten Jahrzehnten dank einer starken Motorradlobby so schwach gezeigt, dass hier Eingriffsmöglichkeiten kaum noch umsetzbar erscheinen.

„Selbst schuld!“, mag da die Antwort so manches Töff-Fahrers sein, der jetzt beruhigt weiter laut sein darf. Denn immerhin ist seine Maschine entsprechend den baujahrestypischen Gegebenheiten zugelassen, und es gibt zumindest bei unverbastelten Maschinen keinen Grund, diese Zulassung zu widerrufen. Auch der Lärmschutz quasi im Nachhinein ist kein hinreichender Anlass, um jetzt laute Maschinen verbieten zu wollen.



Weiter geht’s

Und so werden auch in den nächsten Monaten so mancher Mensch und manches Tier die Flucht ergreifen, wenn sie schon aus weiter Ferne Motorräder hören, die sie längst noch nicht sehen können. Der Spass am Motorrad scheint eben mehr zu sein als der Spass am schnittigen Fahren auf zwei Rädern. Für eine breite Masse an Besitzern vor allem schwerer Maschinen ist es auch die Freude am Lärm, der mit kaum einem anderen Strassenfahrzeug im zulassungstechnisch einwandfreien Zustand möglich sein dürfte.

Diesbezüglich scheint auch der Schweizer Naturbursche eher ein echter Europäer zu sein, der sich nicht darum schert, was aus Mensch und Natur wird, solange der Spass am Leben stimmig erscheint. Daran wird auch die Neuregelung zu den Lärmemissionen von Motorrädern ab 2017 zumindest für einige Jahrzehnte nicht wirklich etwas ändern.



 

Oberstes Bild: © Astrid van der Eerden – Shutterstock.com

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus…die Berater.

Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.

Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt – die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.



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