Der Mercedes 540 K Stromlinienwagen – ein Unikat in neuem Glanz

11.08.2014 |  Von  |  Allgemein, Auto
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Der Mercedes 540 K Stromlinienwagen – ein Unikat in neuem Glanz
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Im Jahr 2011 entdeckten Mercedes -Mitarbeiter in den weitläufigen Lagerhallen des Werks durch Zufall den Rahmen, die Hinterachse und andere Einzelteile eines Fahrzeugs, das seit Jahrzehnten in Vergessenheit geraten war. Nach einer genaueren Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um die Reste eines nie zum Einsatz gekommenen Rennwagens handelte, der als Unikat in der damaligen Abteilung für Sonderwagenbau am Standort Sindelfingen entstand.

Der 540 K Stromlinienwagen – K steht für Kompressor – wurde 1938 für ein geplantes Rennen Berlin-Rom entwickelt. Als schnellste und längste Etappe des Wettbewerbs war die neue Autobahn zwischen Berlin und München vorgesehen, 535 Kilometer, auf denen Vollgas gegeben werden konnte. Das Rennen fand allerdings nie statt: 1938 fiel es wegen der Annexion der Tschechoslowakei aus, 1939 wegen des Zweiten Weltkriegs.






Mercedes 540 K – als Einzelstück gefertigt in der Abteilung Sonderwagenbau im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen (Bild: Daimler AG)

Mercedes 540 K – als Einzelstück gefertigt in der Abteilung Sonderwagenbau im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen (Bild: Daimler AG)

Über die weitere Geschichte des Stromlinienwagens sind nur wenige gesicherte Informationen erhalten. Im Sommer 1938 wurde das Fahrzeug an den Reifenhersteller Dunlop in Hanau ausgeliefert. Das Unternehmen nutzte es, um das Verhalten und die Eigenschaften von Reifen bei hoher Dauergeschwindigkeit zu testen. Nach Kriegsbeginn im September 1939 wurde die private Nutzung von Fahrzeugen allerdings stark eingeschränkt. Dunlop stellte den Antrieb deshalb auf Flüssiggas um, damit die Reifentests fortgesetzt werden konnten. Wie lange das noch geschah, ist nicht bekannt. Nach Kriegsende fuhr ein US-Soldat vorübergehend den Wagen, 1948 erfolgte seine Abmeldung in Hanau. Nur wenig später gelangte der 540 K wieder in den Besitz des Herstellers Mercedes. Die genauen Gründe und Umstände lassen sich heute nicht mehr belegen, ebenso nicht, warum der Wagen auseinandergenommen wurde oder was mit der Karosserie geschehen ist.

Mercedes 540 K – Foto aus dem Jahr 1938 (Bild: Daimler AG)

Mercedes 540 K – Foto aus dem Jahr 1938 (Bild: Daimler AG)





Als Glücksfall erwies sich im Nachhinein, dass die verbliebenen Teile nummeriert und in Listen verzeichnet worden waren. Einem Archivar bei Mercedes war im Jahr 2011 die Linienrisszeichnung – eine auf den Millimeter genaue Karosseriebeschreibung – in die Hände gefallen, so dass die Fragmente an Hand der Listennummern identifiziert und zugeordnet werden konnten. Auf der Suche nach weiteren Spuren fanden sich in den Archiven alte Originalfotos, die Bedienungsanleitung sowie der Fahrzeugbrief wieder, die weitere Hinweise über die Struktur und das Aussehen des Wagens lieferten.

Allerdings waren für die Rekonstruktion Fertigkeiten gefragt, die aus der modernen Autoproduktion schon lange verschwunden sind und nur noch von wenigen Fachleuten beherrscht werden. Zwar kamen auch Maschinen zum Einsatz, doch der Löwenanteil erforderte minuziöse Handarbeit. So verschlang allein die Karosserie 4’800 Arbeitsstunden.

Mercedes 540 K - nach der originalgetreuen Restaurierung und Rekonstruktion. (Bild: Daimler AG)

Mercedes 540 K – nach der originalgetreuen Restaurierung und Rekonstruktion. (Bild: Daimler AG)





Die aufwändige Wiederherstellung dauerte insgesamt mehr als zwei Jahre. Allein die Vorbereitungsphase nahm rund zwölf Monate in Anspruch. Dabei konnten die Ingenieure auf die Originalunterlagen aus dem Mercedes-Archiv zurückgreifen. Als sie anschliessend das Modell im Windkanal in Untertürkheim testeten, erlebten sie eine handfeste Überraschung: Der Wagen kam auf einen cW-Wert von 0,36. Für sein Baujahr 1938 ist diese Zahl geradezu sensationell. Das Serienmodell schneidet mit 0,66 wesentlich schlechter ab.




Das Fahrgestell aus Stahl und der Acht-Zylinder-Motor stammten aus dem normalen 540 K Sportwagen, die windschlüpfige Aluminium-Karosserie, von einem Hilfsrahmen aus Eschenholz getragen, wurde im Werk Sindelfingen massgeschneidert. Im Kompressor-Betrieb erreichte der Wagen 185 km/h bei 180 PS, ansonsten brachte das 5,4-Liter-Aggregat 115 PS und 165 bis 170 km/h auf die Räder. Für die Windschlüpfigkeit sorgten verschiedene und neue aerodynamische Details: ein abgerundeter Bug, ein glatter Unterboden mit nur wenigen Lüftungsschlitzen, in die Karosserie integrierte Scheinwerfer, kaum sichtbare Fugen in der Alu-Verkleidung, versenkte Türgriffe sowie der Verzicht auf jegliche Stossfänger. Mercedes liess in diesem Fall sogar den ansonsten aufrecht stehenden Stern auf dem Kühler weg. Stattdessen wurde das Logo nur auflackiert.

Erstaunlich ist auch die relativ komfortable und für einen Rennwagen untypische Innenausstattung. Der damalige Verantwortliche für den Sektor Rennwagenbau, Max Sailer, war zuvor selbst Werksfahrer bei Mercedes gewesen und und fest davon überzeugt, dass die Fahrer bei Langstreckenrennen nicht auf eine gewisse Bequemlichkeit verzichten sollten. Für das Interieur konnten die Ingenieure ebenfalls nur auf sehr wenige Informationen aus dem Archiv zurückgreifen. Das Armaturenbrett aus Nussbaum war gebogen, genauso wie die beiden Windschutzscheiben. Die Sitzbezüge bestanden aus grauem Leder, der Dachhimmel aus grauem Stoff. Im Fond waren übrigens Klappsitze angebracht, die originalgetreu rekonstruiert wurden.




Für die Mitarbeiter von Mercedes-Benz Classic gehörte die Restaurierung des Oldtimers 540 K zu den anspruchsvollsten und ehrgeizigsten Projekten überhaupt. Fast jedes Bauteil musste individuell gefertigt werden. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Mit Hilfe Jahrzehnte alter Autobaukunst und moderner Technologie wie CAD wurde ein lange verschollenes Traumauto wieder Realität. Der 540 K Stromlinienwagen wird in Zukunft sicherlich zu den absoluten Highlights im Mercedes-Museum zählen: wegen seiner Geschichte, seiner Eleganz und natürlich wegen seines Unikatcharakters.

 

Oberstes Bild: Der 540 K Stromlinienwagen von Mercedes (© Daimler AG)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.


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