Der Kleinwagen-Boom des Genfer Autosalons

04.06.2014 |  Von  |  Auto
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Der Kleinwagen-Boom des Genfer Autosalons
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Höher, schneller, weiter? Traditionell sind es bei Automessen meist die grossen Fahrzeuge, welche die Aufmerksamkeit geniessen. Daher geizen die Hersteller meist nicht mit Neuvorstellungen aus diesem Bereich. Der diesjährige Genfer Autosalon hingegen richtet den Fokus auf den guten, alten Kleinwagen. Warum sowohl Unternehmen als auch Kunden die Liebe zum Kleinen wiederentdeckt haben, erklärt dieser Artikel.

Einstiegsdroge Kleinwagen



Laurens van den Acker hat ein Problem: Mit seiner Grösse von fast zwei Metern muss er sich schon arg anstrengen, um hinter das Lenkrad des neuen Renault Twingo zu kommen. Der Chefdesigner des französischen Automobilkonzerns bringt dabei auf den Punkt, warum der Kleinwagen eine Art Revival feiert: Von „billig und funktional“ seien Kleinwagen jetzt in eine Ecke gerutscht, die sie als „kleiner Verführer“ dastehen lasse. Sie sollten einen Eintritt in eine ganze Marke bieten und Kunden somit langfristig an Renault binden – oder jedes andere Unternehmen, welches eine ähnliche Philosophie verfolgt.

Erst der Twingo, in einigen Jahren dann der Clio oder Megane – so erhofft sich van den Acker den Weg, den der typische Renault-Kunde geht. Die Kleinwagen verkommen damit ein wenig zu einer Art Lockmittel, welches jedoch offenbar auch dringend notwendig ist.

Der Boom im Kleinformat

Jeder Automobilhersteller auf dem Genfer Autosalon war mit einigen Kleinwagen vor Ort. Alle erweitern sie insbesondere diese Palette an Fahrzeugen, während die Mittel- und Oberklassesegmente nur behutsam ausgebaut werden. Und jeder Automobilhersteller hat inzwischen ein schier unüberschaubares Portfolio an Varianten im Angebot: Angefangen bei Kleinwagen in der Optik eines Geländefahrzeugs geht die Fahrt über Cabrios, Sportversionen mit leicht verbesserten Motoren oder auch besonders umweltschonende Modelle.



Der Grund ist vor allem in der Vielfalt der Wagen selbst zu suchen: Laurens van den Acker beschreibt als Beispiel, dass der erste Twingo aus dem Jahr 1993 vielleicht drei ernst zu nehmende Konkurrenten hatte. Inzwischen ist diese Anzahl – geschätzt – auf 30 Fahrzeuge auf der ganzen Welt angewachsen. Mittelmass reicht nicht mehr, der Abstand zur Konkurrenz muss deutlich werden – aber leider weiss das auch ebenjene Konkurrenz.

Vorsprung durch Technik

Dass van den Acker mit seiner Behauptung ins Schwarze trifft, zeigt ein kurzes Umsehen auf dem Genfer Autosalon: Toyota, Weltmarktführer bei den Automobilen, zeigt den ganz neuen Aygo – einen Kleinwagen, der vor allem für den Verkehr in Grossstädten entworfen wurde. Mazda hingegen stellt eine sehr ähnliche Studie mit dem vorläufigen Namen Hazumi vor, Opel hingegen frischt den noch recht jungen Adam mit einer Sportvariante inklusive Spoiler auf dem Dach auf. Auch Suzuki, ein für Kleinwagen nicht unbedingt bekannter Hersteller, ist mit einem eigenen Modell namens Celerio vertreten – und alteingesessene Unternehmen wie Mini erst recht.

Die Show gehört in diesem Jahr also eindeutig den Kleinwagen. Der Grund für diese Vielfalt ist vor allem in der Technik selbst zu finden, findet zumindest die Unternehmensberatung Ernst & Young.



Fahrzeuge aus dem Baukasten

Autos werden inzwischen nicht mehr nur für einen einzigen Einsatzzweck gebaut. Stattdessen kommt, wie in vielen Bereichen der Technik, eine Art Modulbauweise zum Einsatz. Einige Elemente dieser neuen Entwicklungen können also in sehr unterschiedlichen Fahrzeugen verwendet werden: Der Audi A3 teilt sich unter anderem Bauteile mit dem VW Golf oder auch dem – deutlich grösseren – Skoda Octavia. Möglicherweise stosse in Zukunft auch der Passat oder Polo dazu, findet Peter Fuß von Ernst and Young.



Das Ziel bei der Entwicklung neuer Bauteile für Autos lautet inzwischen nicht mehr, nur ein einziges Segment bedienen, sondern so viele Fahrzeuge wie möglich mit diesen Elementen beliefern zu können. Das wird auch zu sinkenden Preisen führen, was im Interesse des Kunden sein dürfte – oder gibt es nicht doch Nachteile an der Kleinwagenflut aus Genf?

Hightech im Kleinformat

Beispiele für eine Vernetzung von Technik aus der Oberklasse mit den Kleinwagen gab es in Genf zur Genüge zu sehen: Die erwähnte Studie Hazumi von Mazda beispielsweise ist mit einem integrierten Display in der Windschutzscheibe ausgestattet, welche Informationen über den Wagen oder die Strecke ausgibt – ein Feature, welches bislang beispielsweise dem BMW 7er oder auch der S-Klasse von Mercedes vorbehalten war. Der tatsächlich fahrtüchtige Aygo von Toyota hingegen bietet einen grossen Touchscreen anstelle klassischer Knöpfe und spricht damit die Smartphone-Generation von heute an.

Für mehr Sicherheit sorgt hingegen der Polo: Der Wagen bremst einfach von alleine, wenn ein Hindernis übersehen wird. Das wird zwar nicht hundertprozentig in jedem Einsatzfall funktionieren, aber Sicherheit spielt in Kleinwagen eine inzwischen ebenso grosse Rolle wie in grösseren Limousinen.

Der Ausstattungswahn und die kleinen Gefahren

Gründe für die gehobene Ausstattung auch in Kleinwagen – mit Sitzheizung, Internetschnittstelle, ESP und dergleichen mehr – sind vor allem bei den Käufern selbst zu finden. Die meist jüngeren Kunden wollen nicht auf den Komfort verzichten, welchen sie in den eigenen vier Wänden geniessen. Eine permanente Vernetzung mit dem Internet zählt dazu.

Was für den Kunden fantastisch klingt, birgt aber auch kleine Gefahren: Peter Fuß etwa befürchtet, dass der Dschungel an unterschiedlichen Kleinwagen dazu führen könnte, dass der Käufer die Übersicht verliert – und damit auch den Willen, ein bestimmtes Modell zu kaufen.



 

Oberstes Bild: © Rawpixel – Shutterstock.com


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