Der Genfer Automobilsalon – ein Blick hinter die Kulissen

17.03.2014 |  Von  |  Allgemein, Messen/Events
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Der Genfer Automobilsalon – ein Blick hinter die Kulissen
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Der 84. Genfer Automobilsalon ist gerade zu Ende gegangen. Die Veranstaltung am Lac Léman ist die einzige Autoschau Europas, die im Frühling stattfindet, und hat deshalb eine Art Leitfunktion für das kommende Autojahr. Über 250 Hersteller aus rund 30 Ländern zeigten mehr als 100 Premieren vom Supersportwagen bis zu den neuesten Modellen mit Elektroantrieb.

Wir wollen an dieser Stelle aber nicht über einzelne Modelle und Fabrikate reden, sondern mal einen Blick hinter die Kulissen werfen, um zu erfahren, welcher Aufwand nötig ist, eine Ausstellung wie diese auf die Beine zu stellen.



Die ersten Tage des 1905 gegründeten Salons gehören traditionsgemäss den Journalisten und Fachbesuchern, das grosse Publikum muss sich etwas länger gedulden. In diesem Jahr kamen etwa 10’000 Presseleute, 25’000 Experten der Autobranche und rund 700’000 PS-Fans aus aller Welt in die Hallen am Messekomplex Palexpo.

Genfer Auto-Salon 2014 – Foto vom ersten Pressetag (Bild: Norbert Aepli, Wikipedia, CC)

Genfer Auto-Salon 2014 – Foto vom ersten Pressetag (Bild: Norbert Aepli, Wikipedia, CC)

Das grösste Problem der Veranstalter ist die relativ kleine Ausstellungsfläche. Im Vergleich zu anderen Automobilausstellungen wie die IAA in Frankfurt, die Motor-Show in Detroit oder der Salon in Paris stehen in Genf lediglich 110’000 Quadratmeter zur Verfügung. Zudem liegen die Hallen so eingepfercht zwischen Autobahn und Flughafen, dass ein weiteres Wachstum unmöglich ist.

Es mutet an wie die Arbeit an einem riesigen Puzzle, alle Aussteller mit ihren Bedürfnissen zu befriedigen. Manche Firmen wollen ihre Stände auf keinen Fall neben einem bestimmten Konkurrenten aufbauen müssen, andere Marken, die beispielsweise aus einem Konzern kommen, wollen dagegen unbedingt in direkter Nachbarschaft liegen. Hinzu kommt die feste Regel, dass die Stände in der Hallenmitte nicht höher sein dürfen als 1,65 Meter, damit die Besucher einen guten Überblick haben. Deshalb wollen die großen Hersteller fast sämtlich an den Hallenrand, denn dort dürfen sie eine zweite Ebene für Catering und Meetings einziehen.





Das grösste Problem der Veranstalter ist die relativ kleine Ausstellungsfläche (Bild: Norbert Aepli, Wikipedia, CC)

Das grösste Problem der Veranstalter ist die relativ kleine Ausstellungsfläche (Bild: Norbert Aepli, Wikipedia, CC)

Produzenten wie Mercedes oder Volkswagen haben auf der IAA in Frankfurt normalerweise eine ganze Messehalle für sich, in Genf müssen sie sich auf 3’000 Quadratmeter beschränken. Diese Einschränkung hat aber auch Vorteile. Erstens sieht man hier wirklich nur die wichtigsten Neuerungen, zweitens bietet der Genfer Salon auch vielen Firmen, die nur Kleinserien oder Exoten herstellen, die Gelegenheit, sich relativ kostengünstig zu präsentieren.

Für viele Besucher macht gerade diese Tatsache den besonderen Reiz der Ausstellung in Genf aus. Die Veranstalter betonen gerne, dass der Salon bei Nischenunternehmen besonders hoch im Kurs steht. Und da die Schweiz selbst keine Autoindustrie vorweisen kann, ist mehr Neutralität bei der Vergabe von Standplätzen möglich. Niemand wird protegiert oder bevorzugt, niemand vernachlässigt.





Genfer Salon ist beim Publikum und Autoherstellern sehr beliebt (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, CC)

Genfer Salon ist beim Publikum und Autoherstellern sehr beliebt (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, CC)




Ein weiterer, wesentlicher Unterscheid zu anderen Automessen: Der Genfer Salon ist nicht auf Profit ausgerichtet. Hinter der Veranstaltung steht eine Stiftung, die nicht auf Gewinne abzielt. So kostet ein Quadratmeter Standfläche nur 110 Franken – im Vergleich zur Konkurrenz ein nahezu lächerlicher Preis. Meistens erhalten die Aussteller am Ende sogar Geld zurück, und bei grossen Marken können das durchaus fünfstellige Summen sein.

Auch wenn der Salon gerade erst zu Ende gegangen ist – für den Direktor und sein Team bleibt kaum Zeit zum Verschnaufen. Die Planung für das nächste Jahr ist schon im Gange. Der Messeleitfaden enthält den exakten Terminplan und alle Eckdaten für die Aufbauten und ist so umfangreich wie ein grossstädtisches Telefonbuch. Die ersten Anmeldungen werden schon für April erwartet, bis zum 15. Juli müssen die Aussteller für 2015 gebucht haben. Im Dezember sind die Aufbaupläne einzureichen, ab dem 15. Januar kann aufgebaut werden. Für grosse Marken ist der Zeitraum allerdings zu kurz, so dass die Beleuchtung der Hallen zum Beispiel schon Wochen vorher installiert wird.

Um den Aufwand noch etwas mehr zu verdeutlichen, seien hier einige weitere Zahlen genannt. 5’000 Lastwagen sind nötig, um das gesamte Material für die Stände anzukarren. 3’000 Monteure kümmern sich darum, dass bei der Eröffnung alles bereit ist, um die rund 1’000 Neuwagen zu präsentieren. Für Essen und Trinken sorgen zum grössten Teil die Veranstalter.

Der Aufbau der eigenen Küche dauert alleine zwei Monate. Während der Veranstaltung sind 130 Mitarbeiter dort aktiv und produzieren im Lauf der Tage etwa 250’000 Mittagessen, 44’000 Würstchen und 140’000 Sandwiches für die Besucher. Weitere 450 Mitarbeiter sind für die Bedienung zuständig. Viele Aussteller lassen auch ihr Gourmet-Catering von der Messe besorgen.

Wenn dann pünktlich zur Eröffnung alles blitzt und blinkt, die Autos im Scheinwerferlicht glänzen und die vielen Hostessen ihr strahlendes Lächeln zeigen, ist von dem ganzen Vorlauf und der Arbeit nichts mehr zu sehen – jedenfalls nicht für die Besucher. Der Direktor der Messe sieht das alles allerdings ganz anders. Für ihn beginnt mit der Eröffnung des Salons bereits die Planung für das Folgejahr.



 

Oberstes Bild: Automobilsalon in Genf (Bild: R20k, Wikimedia)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.



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