Targa Florio – der Rennklassiker auf Sizilien

23.07.2014 |  Von  |  Allgemein, Auto
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Targa Florio – der Rennklassiker auf Sizilien
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Die Targa Florio reiht sich nahtlos ein in die Riege klassischer Autorennen wie die Mille Miglia, Indianapolis oder die 24 Stunden von Le Mans. Allerdings ist sie noch älter. Bereits 1906 fand sie zum ersten Mal statt. Initiator war der italienische Unternehmer Vincenzo Florio, der damals das stattliche Preisgeld von 50’000 Lire für die Erstplatzierten zur Verfügung stellte.

Damit wären wir auch schon bei der Namensgebung. Das Wort Targa bedeutet im Deutschen Schild oder Plakette. Der Sportwagenhersteller Porsche bezeichnet einige seiner Modelle als Targa, in Erinnerung an mehrere historische Siege auf der Strecke, und hat sich den Begriff markenrechtlich schützen lassen.

Jean Porporato mit seinem "Berliet" während der Targa Florio 1908. (Bild: Bain News Service, Wikimedia)

Jean Porporato mit seinem „Berliet“ während der Targa Florio 1908. (Bild: Bain News Service, Wikimedia)

Am ersten Rennen beteiligten sich zehn Fahrzeuge, die im Abstand von zehn Minuten starteten. Der Sieger Alessandro Cagno aus Turin benötigte für die drei Runden auf dem damals 148 Kilometer langen Rundkurs neun Stunden und 32 Minuten – das ergibt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 46 km/h. Die Targa Florio etablierte sich schnell und galt in den 1920er Jahren als das bedeutendste Strassenrennen in Europa. Die 24 Stunden von Le Mans (1923) und die Mille Miglia (1927) oder Grand-Prix-Rennen folgten erst später.

Die ursprüngliche Strecke – Grande Madonie – wurde 1919 auf 108 Kilometer verkürzt, 1932 ein weiteres Mal auf 72 Kilometer. Fortan hiess die Runde Piccola Madonie. Gestartet wurde in Cerda im Westen der Insel. Von dort ging es gegen den Uhrzeigersinn über Caltavuturo, Collesano und Capofelice di Roccella. Hier führte eine mehr als sechs Kilometer lange Gerade direkt am Meer entlang, wo die Rennwagen ihre Höchstgeschwindigkeiten erreichten. Die Buonfornello-Gerade ist damit länger als die berühmte Hunaudieres-Gerade in Le Mans. In der Regel waren zehn Runden zu absolvieren. Der Start erfolgte im 20-Sekunden-Takt, da die Strecke an den meisten Stellen zu eng für Überholmanöver und ein Massenstart völlig unmöglich war.






Emilio Materassi und sein Bugatti 35c während der Targa Florio 1927 (Bild: Vignaccia76, Wikimedia)

Emilio Materassi und sein Bugatti 35c während der Targa Florio 1927 (Bild: Vignaccia76, Wikimedia)





Die schnellsten Fahrer benötigten im Schnitt 40 Minuten für eine Runde. Der Rennrekord durch Helmut Marko in einem Alfa Romeo beträgt 33:41 Minuten (1972), der Trainingsrekord von Leo Kinnunen in einem Porsche 908/3 33:36 Minuten (1970). Viele Fahrer trainierten aber auch schon vorab im regulären Strassenverkehr, um sich die Kurvenabfolge einzuprägen – immerhin gab es 900 davon! Für diese Übungsläufe mussten die Fahrzeuge normale Zulassungen besitzen und mit Nummernschildern versehen werden.




Im Lauf der Jahrzehnte tummelten sich alle wichtigen Rennwagenhersteller auf der Targa Florio, darunter Ferrari, Mercedes, Porsche, Maserati und Jaguar. Auch berühmte Fahrer wie Juan Manuel Fangio oder Stirling Moss konnten sich dem Reiz des Rennens nicht entziehen. Die beiden lieferten sich 1955 einen heissen Wettkampf, den Moss für sich entschied – im Gegensatz zu den Grand-Prix-Rennen, wo meistens Fangio Sieger blieb.






Targa Florio,Pitcomplex (Bild: Saschaporsche, Wikimedia, CC)

Targa Florio,Pitcomplex (Bild: Saschaporsche, Wikimedia, CC)

Auf Grund der Streckenführung war die Sicherheit an der Piste immer ein grosses Problem. Bäume, Felsen, Abgründe säumten die Strassen, Hühner rannten herum. Die Veranstalter riefen oft schon eine Woche vor dem Rennen die Anwohner dazu auf, freilaufende Haus- und auch Weidetiere einzusperren und ihre Kinder strenger zu beaufsichtigen. Auch wenn es paradox klingt: Viele Fahrer gaben an einigen Abschnitten als Vorsichtsmassnahme kräftig Gas, um mögliche Passanten mit lauten Auspuffgeräuschen zu warnen.




Sicherheitsgründe waren es dann auch, dass die Targa Florio ab 1974 nicht mehr zur Sportwagen-Weltmeisterschaft gezählt, sondern nur noch als Teil der italienischen Meisterschaft gewertet wurde. Ausserdem wurde die Rundenzahl gekürzt. So kam es, dass sowohl bei den Teilnehmern als auch bei den Zuschauern das Interesse langsam nachliess. Die Bemühungen um mehr Sicherheit bewirkten aber leider genau das Gegenteil. Die Strecke blieb anspruchsvoll und gefährlich, die Autos waren genauso schnell wie vorher – die Fahrer aber nur noch zweitklassig. Nach einem tödlichen Unfall auf der langen Geraden im Jahr 1977 wurde das Rennen abgebrochen und danach in der bisherigen Form eingestellt.

Ein Jahr später wurde die Targa Florio als Rallye mit kurzen Wertungsprüfungen fortgesetzt. Ähnlich wie die Mille Miglia ist der sizilianische Klassiker heute hauptsächlich ein Schaulaufen für Liebhaber und Sammler von Oldtimern. Die historischen Fahrzeuge dürfen zuerst vom Publikum in Palermos Stadtmitte bestaunt werden, bevor sie auf die Piste durch die Berglandschaft gehen.

Das Targa Florio Museum in Collesano zeigt viele Exponate aus vergangenen Zeiten – Rennfahrer-Ausrüstungen, alte Fahrzeuge, unzählige Fotos von der Strecke u.a. Zum Abschluss noch eine Anekdote: Über lange Jahre nutzten viele Rennfahrer ihren Aufenthalt auf Sizilien, um sich neue Rennschuhe zu kaufen, die von einem ansässigen Schuster in Handarbeit aus hochwertigem Wildleder angefertigt wurden. Mit dem Aussterben des Handwerks und wegen neuer Sicherheitsbestimmungen – die Schuhe mussten mit stark hitzebeständigem Nomex ausgekleidet sein – endete dieser Brauch.

 

Oberstes Bild: Porsche 908/02 1969 auf der Targa Florio (© Andrew Basterfield, Wikimedia, CC)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.


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