Preston Tucker – ein gescheiterter Visionär

22.06.2014 |  Von  |  Auto
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Preston Tucker – ein gescheiterter Visionär
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Preston Tucker (1903-1956) war ein genialer Tüftler, dessen Entwicklungen viel vorwegnahmen, was heute in der Autoproduktion zum Standard zählt. Allerdings war dem Mann aus Capac im US-Staat Michigan kein Glück mit seinen Erfindungen gegönnt. Er wollte schlicht und einfach „das beste Auto der Welt“ bauen, aber sein ungeschicktes Geschäftsverhalten und wahrscheinlich der Druck von den grossen Autoherstellern verhinderten einen nachhaltigen Erfolg.

Nach seiner Geburt auf einer Farm wuchs er mit seiner alleinerziehenden Mutter in einem Vorort von Detroit, Lincoln Park, auf. Sein Vater starb, als Tucker erst zwei Jahre alt war. Bereits mit elf Jahren lernte er Autofahren. Als 16-Jähriger begann Tucker, gebrauchte Autos aufzukaufen, um sie zu reparieren und aufzubereiten. Anschliessend verkaufte er sie mit Gewinn weiter. Eine Ausbildung in der Cass Technical High School brach er nach kurzer Zeit ab und ging als sogenannter „office boy“ zu Cadillac. Um effizienter und schneller zu arbeiten, lief er dort teilweise auf Rollschuhen herum.



Weil er von den schnellen Fahrzeugen der Polizei, Autos wie Motorrädern, begeistert war, bewarb er sich dort 1922 gegen den Willen seiner Mutter. Diese informierte allerdings seine Vorgesetzten, dass er noch nicht alt genug für den Dienst sei, so dass er wieder entlassen wurde. Mit 20 heiratete Tucker seine gleichaltrige Frau Vera. Die beiden pachteten für einige Monate eine Tankstelle, wo Vera Tucker arbeitete. Preston stand derweil bei Ford am Fliessband.

Nach Auslaufen des Pachtvertrags ging Tucker wieder zur Polizei. Aber schon im ersten Winter wurde ihm das Fahren mit Polizeifahrzeugen verboten. Er hatte ein Loch in das Armaturenbrett eines Wagens geschnitten, weil er den Innenraum mit der Motorhitze heizen wollte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs konstruierte Tucker einen Panzerwagen, der 185 km/h schnell war, wohl zu schnell für die Armee, denn die Verantwortlichen winkten ab. Erfolgreich war allerdings der gläserne Geschützturm (Tucker Turret oder „Tucker Türmchen“) des Fahrzeugs. Er wurde später in zahllosen Bombern wie z.B. der Boeing B-17 eingebaut und bedeutete den Durchbruch für Tucker.

Tucker-Torpedo-Sfoskett-wikimedia.org

Tucker-Torpedo-Sfoskett-wikimedia.org

Der Autobau nach dem Krieg brachte anfangs keine Neuerungen. Die grossen amerikanischen Hersteller produzierten nach dem gleichen Schema wie vor dem Krieg. Tucker hingegen wollte keine Kompromisse eingehen. Also konstruierte er den Tucker 48 (nach dem Erscheinungsjahr 1948 benannt) in völliger Eigenregie. Die Bezeichnung „Torpedo“ tauchte nur in der Werbung auf, sie war kein offizieller Name für den Wagen. Tucker versprach den Amerikanern in grossen Anzeigen „das Auto der Zukunft schon heute“.



Das Design stammt von Alex Tremulis, der nur ganze sechs Tage Zeit für die Gestaltung hatte. Details wurden später noch mit Hilfe von Ray Dietrich geklärt. Die Grösse, die Verwendung von viel Chrom sowie die fliessenden Linien der Karosserie waren eine Kampfansage an die Detroiter Konzerne. Und die weitere Ausstattung kam einer Revolution gleich. Der Torpedo verfügte als erster Wagen über Sicherheitsgurte und eine Windschutzscheibe, die bei einem Unfall nach aussen fiel und somit die Gefährdung der Insassen verringerte.

Ein besonders auffälliges Merkmal des Fahrzeugs war auch der dritte Scheinwerfer in der Mitte der Frontpartie. Dieses „Zyklopenauge“ folgte den Lenkradbewegungen und fungierte somit als Kurvenlicht. Zusätzlich gab es Scheibenbremsen vorne und hinten sowie einen Aufprallschutz am Armaturenbrett und am Lenkrad. Wesentliches Ziel und Interesse von Tucker war es, das Autofahren sicherer zu machen und die Risiken zu minimieren.



Für die damalige Zeit war der Torpedo sehr stark motorisiert und schnell. Er verfügte über einen Boxer-Heckmotor mit sechs Zylindern, 5,5 Litern Hubraum und einer Leistung von 168 PS. Herausragend war auch der Cw-Wert von 0,27, der bis in die heutige Zeit vergleichsweise gut ist. Das Publikum war begeistert, obwohl anfangs nur einige Skizzen und Zeichnungen veröffentlicht wurden. Tucker verkaufte in kurzer Zeit Aktien im Wert von 20 Millionen Dollar und begann 1947 mit der Produktion.

Für die grossen Konkurrenten stellte der innovative Torpedo eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Sie hätten ihre schlicht und einfach ausgerüsteten Modelle für viel Geld erneuern müssen. Also überzogen sie Tucker mit verleumderischen Kampagnen. Beispielsweise behaupteten sie, ein Auto könne nicht sicher sein, wenn es Sicherheitsgurte benötigte. Und sie liessen ihren politischen Einfluss spüren. Tucker wurde vorgeworfen, er habe kein Auto herstellen, sondern die Aktionäre prellen wollen. Die Börsenaufsicht (SEC) leitete daraufhin ein Betrugsverfahren ein. Tucker wurde zwar freigesprochen, aber seine Firma unter die Kontrolle von zwei Verwaltern gestellt. Diese schlossen umgehend die Fertigungshallen. Tuckers Arbeiter ignorierten jedoch die Absperrungen und bauten weiter Autos zusammen bis kein Material mehr vorhanden war.





Tucker Torpedo Model 48. (Bild: James Emery / wikimedia.org)

Tucker Torpedo Model 48. (Bild: James Emery / wikimedia.org)

Deshalb wurden insgesamt nur 51 Wagen hergestellt, von denen heute noch 47 Exemplare existieren. Einen Torpedo besass der Filmproduzent und Regisseur George Lucas der zusammen mit Francis Fordd Coppola die Geschichte von Tucker 1988 verfilmte (deutscher Titel: „Tucker – ein Mann und sein Traumauto“). Die Hauptrolle spielte Oscar-Gewinner Jeff Bridges.

Tucker hielt sich nach dem Prozess eine Weile in Brasilien auf, wo er weitere Versuche unternahm, seine Vorstellungen umzusetzen. Dort litt er allerdings oft an Erschöpfungszuständen und kehrte schliesslich in die USA zurück. 1956 starb Tucker, ein starker Raucher, an den Folgen seines Lungenkrebses.



 

Oberstes Bild: © Seano1 – wikimedia.org

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.



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