Schweizer Autobauer, Teil 2: Rinspeed

21.05.2014 |  Von  |  Allgemein, Auto
Keine Beiträge mehr verpassen? Hier zum Newsletter anmelden!
Schweizer Autobauer, Teil 2: Rinspeed
Jetzt bewerten!

Die Schweiz kann keinen Massenhersteller wie Fiat, Ford oder Volkswagen präsentieren. Doch was die Herstellung spektakulärer Prototypen, Studien und Sonderanfertigungen angeht, steht unser kleines Land der internationalen Automobilszene in nichts nach. Neben Sbarro (Teil 1 dieser Reihe) hat sich ein weiteres kleines Unternehmen mit pfiffigen Eigenkreationen einen Weltruf erarbeitet. Die Rede ist von Rinspeed.

Die kleine Manufaktur des Frank Rinderknecht präsentiert seit 35 Jahren in regelmässigen Abständen Entwürfe, die an Innovationskraft keine Wünsche offen lassen.



Dies ist ein Bericht in 2 Teilen:

Teil 1: Schweizer Autobauer – Sbarro

Teil 2: Schweizer Autobauer – Rinspeed

Glasdächer waren der Anfang. Unter dem Namen „Rinspeed Garage“ wurden Behindertenfahrzeuge hergestellt und Sonnendächer aus den USA importiert. Den Initialschuss gab die Anfang der 1980er-Jahre einsetzende Tuning-Szene, in der Heimbastler ihre Serienfahrzeugen ein individuelles Gesicht geben wollten. Mit einem extravaganten Rechteckscheinwerfer-Bausatz konnte dem damalig äusserst populären Golf GTI ein noch schnittigeres Auftreten ermöglicht werden. Der Markterfolg stellte sich bald ein und schon 1979 konnte die Rinspeed AG gegründet werden.

Frank Rinderknecht (Bild: © www.rinspeed.eu)

Frank Rinderknecht (Bild: © www.rinspeed.eu)




Der Volkswagen Golf war sogleich auch der Technologiespender für ein besonders spektakuläres Projekt: Mit dem Rinspeed Aliporta bekam das Wolfsburger Massenprodukt Flügeltüren verabreicht, was ihn in die Nähe von Ferrari und Co. katapultieren konnte. Mutig war auch die Porsche-Interpretation von Rinspeed. 1985 wurde der R69 präsentiert. Dieser wirkte wie eine genetisch bewirkte Kreuzung aus 911 und Ferrari Testarossa.

Kooperationen mit AMG und AC-Schnitzer bescherten Rinspeed ein einträgliches Dauergeschäft, so dass genügend Zeit, Geld und Manpower für weitere, spektakuläre Entwürfe blieben. Auch das Experimentieren mit neuen Materialien und Formen gehörte zur Entwicklungsarbeit von Rinspeed immer dazu. Lange bevor Mercedes-Benz in der zweiten Generation der C-Klasse und Porsche mit dem Boxter die unregelmässig geformten Scheinwerfer als Designmerkmal entdeckten, wurde der Poly-Ellipsoid schon bei Rinspeed eingesetzt. Was mit dem Volkswagen Golf begonnen hat, fand seine höchste Ausprägung beim Bugatti Cyan.

Dennoch sollte es bis 1995 dauern, bis Rinspeed komplett eigene Kreationen vorstellen konnte. Dies gelang dann gleich doppelt: Mit dem Roadster R und dem SC-R wurden zwei höchst eigenwillige, auf das Nötigste reduzierte Zweisitzer vorgestellt. Diese standen deutlich in der Tradition eines Lotus Super Seven, waren jedoch bis auf die letzte Schraube Eigenentwicklungen.

Rinspeed Yello Talbo (Bild: © www.rinspeed.eu)

Rinspeed Yello Talbo (Bild: © www.rinspeed.eu)




Das Erfolgsrezept von Sbarro mit seinem Royale und seinem 328 vor Augen, versuchte Rinspeed mit dem „Yello Talbo“ auch einen automobilen Klassiker wiederzubeleben. Das Ergebnis war die Neuinterpretation eines legendären Talbot aus den 30er-Jahren. Ästhetisch und technisch war der Yello Talbo äusserst gelungen. Rinspeed achtete beim Bau dieses Fahrzeugs aber nicht auf die reine Originalität, sondern stellte sich die Frage: Wie würde dieses Fahrzeug mit den heute verwendeten Materialien und Techniken aussehen?

Was auf den ersten Blick wie ein Klassiker aussieht, verrät sich spätestens an der Scheinwerferpartie als ein topmodernes Fahrzeug mit entsprechend ausgereifter Technik. Als Beispiel automobiler Kunst ist der Yello Talbo auf jeden Fall bemerkenswert.

Wie aus einem Comic entsprungen wirkt dagegen der „Mono Ego“ von 1997. Jenseits von Nutzwert-Gedanken ist hier ein optisch hervorragender Wagen entstanden, welcher einem einzelnen Fahrer ein Gefühl für die legendären Rennwagen der 30er-Jahre vermitteln kann. Dieses Prinzip setzte Rinspeed mit dem E-Go Rocket fort. Diesmal nur mit dem Unterschied, dass statt eines Frontmotors wie im „Mono Ego“ ein Heckmotor eingesetzt wurde. Klar also, was hier als geistiges Vorbild herhalten musste: die Auto-Union-Rennwagen der Vorkriegszeit.

Rinspeed E-Go (Bild: © www.rinspeed.eu)

Rinspeed E-Go (Bild: © www.rinspeed.eu)




Nachdem das Thema „Mono-Auto“ für Rinspeed mit grossem internationalem Achtungserfolg beendet war, setzte eine regelrechte Kreativ-Explosion in der Firma ein. Man hat den Eindruck, dass alles Machbare auch früher oder später von Rinspeed gemacht wird. Ein Spassmobil der besonderen Art präsentierte Rinspeed 1999 mit dem „Multi-Utility-Vehicle“. Dabei handelt es sich um einen knallgelbes Cabrio mit zwei Sitzen, unter dem ein einsitziges Luftkissenboot ausgeklappt werden kann. Tja, wer braucht schon Marktforschung, wenn man einen Traum hat? Der Rinspeed Tattooo.com aus dem darauffolgenden Jahr setzte noch einen drauf: Das Basisfahrzeug, ein Pick-up im Stil der 30er-Jahre, wurde durch ein Tauchgerät ergänzt, welches wie beim MUV abgekoppelt werden kann.

Rinspeed Tatooo.com (Bild: © www.rinspeed.eu)

Rinspeed Tatooo.com (Bild: © www.rinspeed.eu)

Die Multifunktions-Fahrzeuge waren mit dem Tatooo.com durchdiskutiert, und Rinspeed wendete sich ab 2001 wieder neuen Herausforderungen zu. Das Ergebnis war der Rone, ein ultraflacher Sportwagen – leider wieder nur mit einem einzigen Sitz.

Ab 2002 wurden die Rinspeed-Fahrzeuge endlich praktisch. Der Presto kann mit Fug und Recht als automobiler Meilenstein bezeichnet werden. Hier wurde das Mobilitätskonzept neu erfunden und ein wirksamer Schritt gegen die Parkplatznot in den Grossstädten präsentiert. Der Presto kann als erstes Auto überhaupt seine Länge variieren. Technisch sehr aufwendig, mit einem Klappboden und hydraulischen Kolben, aber immerhin: Es funktioniert. Auf Knopfdruck fährt der Wagen zusammen und kann so auch kleinste Parklücken nutzen. Die hinteren Passagiere sollten allerdings ausgestiegen sein.

Bis heute präsentiert Rinspeed jedes Jahr eine neue Idee zum Thema „automobile Möglichkeiten“. Wie bei Sbarro auch muss nicht unbedingt jeder Entwurf auf Anhieb überzeugen. Es zählt, dass hier Technik mit Hochdruck vorangetrieben und das Denkbare stets erweitert wird. Dass dies ausgerechnet in der kleinen Schweiz bereits eine solch grosse Tradition hat, ist wirklich beachtlich.



 

Oberstes Bild: Rinspeed Mono Ego (© www.rinspeed.eu)



Trackbacks

  1. Schweizer Autobauer, Teil 1: Sbarro › motortipps.ch

Ihr Kommentar zu:

Schweizer Autobauer, Teil 2: Rinspeed

Für die Kommentare gilt die Netiquette! Erwünscht sind weder diskriminierende bzw. beleidigende Kommentare noch solche, die zur Platzierung von Werbelinks dienen. Die Agentur belmedia GmbH behält sich vor, Kommentare ggf. nicht zu veröffentlichen.