Ratbikes – wenn Schrott zum Kultobjekt wird

28.07.2015 |  Von  |  Motorrad
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Ratbikes – wenn Schrott zum Kultobjekt wird
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Sie sind rau, rostig, meistens recht laut, nicht wirklich schön, dafür aber einzigartig. Ratbikes sind das genaue Gegenteil dessen, was ein Motorrad normalerweise ausmacht. Dennoch haben diese „Ratten“ etwas Unvergleichliches und Besonderes, sie sind echte Kultobjekte … und das auch völlig zu Recht!

Ratbikes gibt es in keinem Laden zu kaufen. Vielmehr handelt es sich dabei um Motorräder, die von Liebhabern in akribischer Kleinstarbeit zu Unikaten umgebaut werden.

Bei diesen Bikes darf nichts glänzen, Rost ist jederzeit willkommen, Chrom wird, so gut es geht, verbannt, dafür werden Teile angeschraubt, die häufig keinerlei Funktion haben. Schöner, spiegelnder Glanz wird durch stumpfen, matten Lack ersetzt. Geht etwas kaputt, dann wird einfach auf dem Schrottplatz ein Ersatzteil gesucht und montiert.

In den meisten Fällen lässt sich kaum noch ermitteln, welches Motorrad einmal die Basis für das Ratbike war. Lediglich der Rahmen, vorausgesetzt, er wurde nicht modifiziert, kann erahnen lassen, welches Bike sich hinter all den individuellen Umbauten verbirgt. Solange die Modifikationen den Vorgaben der periodischen Fahrzeugprüfung in der Schweiz oder anderen europäischen Ländern standhalten, kann ein Ratbike auch unbedenklich am Strassenverkehr teilnehmen. Da es in den USA keine solche periodische Prüfung gibt, erklärt es sich somit auch von selbst, dass es dort die kreativsten und ungewöhnlichsten Ratbikes gibt.

Wie wird aus einem Motorrad ein echtes Ratbike?

Da jedes Ratbike eine individuelle und persönliche Handschrift trägt, kann theoretisch alles am ursprünglichen Motorrad verändert werden.

Zu den beliebtesten Umbau- und Modifikationselementen zählen:

  • die Gabel
  • der Lenker
  • die Sitzbank
  • der Tank
  • die Auspuffanlage
  • der Vergaser

Meistens ist der Umbau zu einem Ratbike ein langer Prozess. Nach und nach werden die Teile, die die spezifische Marke eines Bikes zur Schau tragen, gegen neutrale, meist schwarze oder besonders rostige Teile ausgetauscht. Häufig ist der Tank die erste Wahl. Hier bieten Schrottplätze meist eine grosse Auswahl an unterschiedlichsten Modellen. Ein veränderter Tank verleiht dem Bike auch sofort eine ganz neue Note. So wird aus einem sportlichen Tank schnell ein Tropfentank oder ein Tank mit Ecken und Kanten. Ebenso verhält es sich mit der Gabel und dem Lenker.


Bei diesen Bikes darf nichts glänzen, Rost ist jederzeit willkommen (Bild: © TZIDO SUN - shutterstock.com)

Bei diesen Bikes darf nichts glänzen, Rost ist jederzeit willkommen (Bild: © TZIDO SUN – shutterstock.com)


So kann mit wenigen Handgriffen aus einer Sportmaschine ein chopperähnliches Bike gebastelt werden. Eine Teleskopgabel, ein hochgezogener Lenker, kleinere, grössere oder breitere Reifen und schon präsentiert sich das Ratbike in einem völlig neuen Look. Ein Ratbike ist eine ewige Baustelle. Immer wieder und bei jeder sich bietenden Gelegenheit werden Kleinigkeiten verändert, angepasst, ausgetauscht und umgestaltet.

Der Charme von Ratbikes – kreative Unikate

Freunde von Ratbikes lieben die Individualität und den gelebten Freigeist. Es sind Motorräder, die sich deutlich vom „Mainstream“ distanzieren. Genau aus diesem Grund haben Ratbikes einen sehr eigenen Charakter. Es geht absolut nicht darum, das schönste Motorrad zu haben, es geht vielmehr darum, ein einzigartiges Bike zu besitzen. Gleichzeitig zeigen Ratbikes auch auf, was sowohl technisch als auch optisch alles möglich ist. Hier gilt das Sprichwort „Was nicht passt, wird passend gemacht“.


„Was nicht passt, wird passend gemacht“ (Bild: © nednapa - shutterstock.com)

„Was nicht passt, wird passend gemacht“ (Bild: © nednapa – shutterstock.com)


So kann es durchaus möglich sein, dass ein Küchensieb aus Metall zur Halterung für den Scheinwerfer umfunktioniert wird. Ein auf der Strasse gefundenes Quietscheentchen wird zur Galionsfigur befördert. Plüschtiere, Aufkleber mit unterschiedlichsten Botschaften oder zerfetzte Satteltaschen sind hierbei nur kleine Accessoires. Der Sitz kann mit Fell oder Plüsch überzogen werden. Ausrangiertes Wellblech lässt sich ebenfalls optimal für Verzierungen und Verkleidungen am Ratbike nutzen.



Alles, was anders ist, ist gerade gut und richtig. Der Fantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt, und Besitzer von Ratbikes beweisen immer wieder ein Höchstmass an Kreativität bei der Gestaltung ihrer Bikes. Kippt das Motorrad einmal um, dann macht das auch nichts. Es hat eine Beule mehr und damit an Persönlichkeit gewonnen. Was nicht gefällt oder noch zu sehr glänzt, wird einfach mit Farbe angepinselt.

Wann ist ein Ratbike wirklich ein Ratbike?

Ein Motorrad ist dann ein Ratbike, wenn ihm durch die Umbauten eine eigene Seele eingehaucht wird. Es geht nicht mehr darum, das schnellste, modernste oder teuerste Bike zu besitzen. Es geht darum, genau das Gegenteil zu erreichen. Doch auch Biker, die sich Ratbikes basteln, haben meist gewisse Vorstellungen davon, wie sich ihr Bike im Laufe der Zeit entwickeln soll. Besonders beliebt sind Bikes im Military-Look, Bikes im Oldschool-Design oder auch geländegängige Bikes mit individueller Note.

Auch der Sound spielt bei einem Ratbike durchaus eine entscheidende Rolle. Meist haben Ratbikes alte, aufbereitete Auspuffanlagen, die für einen satten, blubbernden und unverkennbaren Sound sorgen. Gelegentliche Fehlzündungen sind durchaus willkommen.


Ein Motorrad ist dann ein Ratbike, wenn ihm durch die Umbauten eine eigene Seele eingehaucht wird. (Bild: © versh - shutterstock.com)

Ein Motorrad ist dann ein Ratbike, wenn ihm durch die Umbauten eine eigene Seele eingehaucht wird. (Bild: © versh – shutterstock.com)


Ein Biker mit Ratbike wird sich auch entsprechend kleiden. Eine moderne Lederkombi oder ein sportliches Enduro-Outfit sind mehr als unpassend für einen Ausflug auf dem Ratbike. Auch hier darf die Lederhose bereits ihre besten Jahre hinter sich gebracht haben. Die Lederkutte darf auch mit sinnigen Badges und Aufnähern verziert sein.

Beim Helm steht natürlich nach wie vor die Sicherheit im Vordergrund. Die meisten Ratbiker legen jedoch grossen Wert darauf, dass auch er zum Gesamt-Styling passt. Jethelme im Look amerikanischer Polizeihelme oder im Stil alter Militärhelme werden topmodischen Integralhelmen immer vorgezogen. In den USA werden auch gerne alte Helme aus Kriegszeiten zur Kopfbedeckung für das Cruisen auf dem Bike genutzt. Dies ist jedoch in den meisten europäischen Ländern, in denen die ECE-Norm berücksichtigt werden muss, verboten. Auch in der Schweiz muss ein Helm seit 1988 geprüft sein, um verwendet werden zu dürfen.



Strassentauglichkeit von Ratbikes

In der Schweiz gibt es strenge Auflagen, welche Voraussetzungen ein Fahrzeug, das am öffentlichen Strassenverkehr teilnimmt, erfüllen muss. Veränderungen jeglicher Art am Motorrad müssen somit den geltenden Vorschriften entsprechen. Kleinere Veränderungen, wie z. B. andere Rückspiegel, können natürlich jederzeit und ohne besondere Genehmigung vorgenommen werden, sofern sie den vorgeschriebenen Mindestmassen entsprechen. Wird das Bike jedoch technisch modifiziert und werden Teile komplett gegen andere ausgetauscht, so müssen diese genehmigt und in den Papieren des Bikes vermerkt werden.


In der Schweiz gibt es strenge Auflagen, welche Voraussetzungen ein Fahrzeug erfüllen muss. (Bild: © A_Lesik - shutterstock.com)

In der Schweiz gibt es strenge Auflagen, welche Voraussetzungen ein Fahrzeug erfüllen muss. (Bild: © A_Lesik – shutterstock.com)


So ist es ratsam, sich bei der fantasievollen Kreativität zur Umgestaltung des Motorrads beispielsweise beim TÜV Süd zu erkundigen, welche Modifikationen auch durch die Prüfung kommen. Dies spart viel Zeit und Geld. Denn nur weil es in den USA erlaubt ist, sich Hörner an das Bike zu montieren, sind solche Details in unserem Land und unseren Nachbarländern noch lange nicht gestattet.

Wenn du also einem Motorradfahrer auf einem Ratbike begegnen solltest, dann winke ihm ruhig freundlich zu. Es wird ihn freuen, denn es steckt sehr viel Arbeit und Leidenschaft in seinem Bock. Mit Liebe zum Detail hat er aus Schrott ein echtes Kunstwerk geschaffen.

 

Oberstes Bild: © thepiwko – shutterstock.com

Über Susi Swazyena

Susi Swazyena hat bereits neben ihrem Beruf als freie Fotografin im Jahr 1998 begonnen, nebenbei Artikel für Webseiten und Fachmagazine zu verfassen. Mit ihrem Umzug nach Stuttgart gab sie die Fotografie im Jahr 2011 auf und folgte ihrer Berufung zu schreiben. Seitdem arbeitet sie mit Leidenschaft und viel Engagement als hauptberufliche Texterin. Zu ihren Themenschwerpunkten gehören Beauty, Lifestyle und Reisen. Sie ist selbst ausgebildete Nageldesignerin, Lash-Stylistin und testet regelmässig die neuesten Kosmetikprodukte als Botschafterin für verschiedene Unternehmen.


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