Der Lotus Esprit: Ein Filmstar aus der Keilzeit

05.06.2015 |  Von  |  Auto, Lotus
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Der Lotus Esprit: Ein Filmstar aus der Keilzeit
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Kaum ein britischer Sportwagen wurde so lange produziert wie der Lotus Esprit: Während der 28-jährigen Bauzeit zwischen 1976 und 2003 rollten rund 10‘500 Exemplare vom Band – von Fans zum Kultauto und Designklassiker erhoben, von Filmstars gefahren und von Kritikern als Sorgenbringer bespöttelt.

Seine provokante Keilform verdankt der Lotus Esprit dem italienischen Industriedesigner Giorgetto Giugiaro. Sie machte ihn unverwechselbar und wurde erst gegen Ende der 1980er Jahre, als die automobile Keilzeit zu Ende ging, durch eine Rundum-Abrundung ein wenig gezähmt – eigentlich schade.

Ein Brite mit klaren Kanten

Die Firma Lotus hat ihren Stammsitz in Hethel, einem englischen Dorf mit einer Einwohnerschaft von knapp 500 Seelen. Dort wurde auch der Lotus Europa Twin Cam geboren, das Auto, auf dessen Chassis der Esprit basiert. Die Bezeichnung Twin Cam steht übrigens immer für einen Doppelnocker (Camshaft = Nockenwelle), üblicherweise für ein Fahrzeug, dessen Motor zwei obenliegende Nockenwellen hat.

Der Lotus Europa hat eine Form, die man zwar als schön, aber kaum als spektakulär bezeichnen kann. Diesem Umstand half der damals 34-jährige Giorgetto Giugiaro ab, ein aufstrebender Fahrzeugdesigner, der sich bereits Jahre zuvor beim berühmten Bertone silberne Sporen verdient und unter anderem dem Alfa Romeo Giulia Sprint GT sein Gesicht gegeben hatte. Gegen Ende der 1960er Jahre machte sich Giugiaro selbstständig. Sein Studio nannte er Ital Design, und als sich im Karosseriedesign der 1970er Jahre der Trend zur Kantigkeit immer stärker herauskristallisierte, war das junge Unternehmen dafür bestens gerüstet.


Lotus Esprit – seine provokante Keilform verdankt er Giorgetto Giugiaro. (Bild: Jeff Greenland, Wikimedia, public domain)

Lotus Esprit – seine provokante Keilform verdankt er Giorgetto Giugiaro. (Bild: Jeff Greenland, Wikimedia, public domain)


Giugiaro setzte seinen Zeichenstift an, stylte das Blechkleid des Europa Twin Cam um und präsentierte 1972 auf dem Turiner Autosalon eine Designstudie mit extremer Keilform und einer Karosserie aus GfK (glasfaserverstärktem Kunststoff) – den Urtyp des Lotus Esprit. Bis die Öffentlichkeit das Mittelmotorfahrzeug jedoch richtig wahrnahm, vergingen noch einmal fast fünf Jahre. Erst 1977 wurde der Lotus Esprit einem breiteren Publikum bekannt, und zwar auf der Leinwand: Der kantige Brite bekam eine Rolle in dem James-Bond-Film „Der Spion, der mich liebte“.

Diesen ersten Filmauftritt von vielen verdankte das Auto dem Pressesprecher von Lotus, Don McLauchlan. Der hatte die Idee gehabt, einfach ein Esprit-Vorserienmodell vor den Pinewood-Studios in London zu parkieren und dann abzuwarten. Täglich spazierten oder hasteten die Filmmacher jetzt an der markanten Karosse vorbei – und kurze Zeit später klingelte in Ethel das Telefon.

Ein Lotus geht baden

In seiner Rolle als James Bond fuhr Roger Moore zweimal einen Lotus Esprit. Im Streifen „Der Spion, der mich liebte“ sorgten besonders die Unterwasserszenen für Aufsehen. Vor den Küsten der Bahamas und auf Sardinien ging das Auto auf Tauchstation: Es wurde mit einer Rakete ins Meer geschossen, versank, verwandelte sich in ein U-Boot, tauchte am Strand wieder auf und fuhr aus dem Wasser. Der erste Bond-Esprit erhielt den Spitznamen „Wet Nellie“ – nicht alles kann im Dienste ihrer Majestät so trocken bleiben wie die Martinis des Geheimagenten.

Für die Dreharbeiten hatte Lotus dem Filmteam neben zwei fahrfähigen Lotus Esprit mehrere Karosserien und einen Rohbau für die U-Boot-Variante zur Verfügung gestellt. Nach Abschluss der Dreharbeiten legte Bonds weisser Esprit noch eine erstaunliche Zweitkarriere hin: Pressemann McLauchlan behielt „Wet Nellie“ als Dienstwagen und fuhr sie an Land noch jahrelang. Die zum U-Boot umfunktionierte Spezialkarosserie befindet sich heute im Besitz von Elon Musk – der milliardenschwere und exzentrische SpaceX- und Tesla-Gründer erwarb den Rohbau vor rund zwei Jahren für den stolzen Preis von umgerechnet 923‘000 CHF.



Lotus Esprit goes to Hollywood …

Mit seinem Charakterkopf, seiner unverwechselbaren Stimme und seiner kompromisslosen Form war der Esprit ein ideales Filmauto. Nach einem weiteren Bond-Auftritt in „In tödlicher Mission“ entdeckten ihn auch die Stars der Traumfabrik. Sie engagierten einen Esprit SE für den 1990 erschienenen Film „Pretty Woman“ und liessen Julia Roberts und Richard Gere ans Schaltgetriebe.

Zwei Jahre später kam „Basic Instinct“ in die Kinos, und alle Zuschauer, die nicht nur Augen für Sharon Stone hatten, wurden durch den Anblick ihrer zwei Autos belohnt: Die eiskalte Lady fuhr gleich zwei Esprit SE, einen schwarzen und einen weissen – eine kluge Farbwahl, denn einer davon passt mit Sicherheit zu jeder Garderobe.


Lotus Esprit – Filmauto aus dem Streifen „Der Spion, der mich liebte“, 1977, im National Motor Museum in Beaulieu, Hampshire, England. (Bild: Morio, Wikimedia, CC)

Lotus Esprit – Filmauto aus dem Streifen „Der Spion, der mich liebte“, 1977, im National Motor Museum in Beaulieu, Hampshire, England. (Bild: Morio, Wikimedia, CC)


… und zu Hause gibt es immer wieder Probleme

Als Strassen- und Alltagsfahrzeug war der Esprit eher schwierig. Vor allem die frühen Modelle fielen durch übersensible Elektrik, übertriebenen Benzinhunger und überhitzte Motoren auf. Dass sie auf der Teststrecke hinter den Geschwindigkeitsversprechungen der Hersteller zurückblieben, machte die Sache nicht einfacher. Dazu kamen die typischen Probleme fast aller Mittelmotorer: zu wenig Komfort, dafür aber zu viel heisse Luft im Innenraum, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und jede Menge Lärm direkt hinter den Ohren des Fahrers.

Natürlich darf ein solcher Wagen unpraktisch, durstig und laut sein – der Lotus Esprit war und ist eben keine Familienkutsche. Wenn ein Auto jedoch so teuer ist, stören Schlampereien bei der Verarbeitung besonders. Ein früher Lotus Esprit kostete um die 40‘000 CHF – für dieselbe Summe konnte man sich damals auch einen Mercedes SL V8 kaufen, der garantiert weniger Ärger machte. Schon vor Jahrzehnten haben Lotus-Fahrer und ‑Kritiker den Herstellernamen zum Akronym gemacht – Lotus steht für „Lots of trouble, usually serious“, also jede Menge Ärger, meistens ernsten.

Im Lauf der Zeit wurde am Esprit einiges verbessert: Die Karossieteile wurden anständig lackiert, um ihre Farbe nicht mehr zu verlieren, und ab dem Esprit S3 wurden die Rahmenteile galvanisiert, um nicht mehr so schnell zu verrosten. Im Jahr 1980 wurde der Esprit Turbo vorgestellt, der es auf eine Spitzengeschwindigkeit von 240 km/h brachte. Ab 1986 wurde eine modifizierte 2,2-Liter-Maschine verbaut, und die Turbovariante dieser Generation mobilisierte immerhin 218 PS.


Lotus Esprit – ein Brite mit klaren Kanten. (Bild: Ad Meskens,Wikimedia, CC)

Lotus Esprit – ein Brite mit klaren Kanten. (Bild: Ad Meskens,Wikimedia, CC)


Schluss mit dem Donnerkeil

Im Jahr 1987 musste sich der Esprit von seinen klaren Kanten verabschieden: Nach der Komplettüberarbeitung durch den Lotus-Designer Peter Stevens war von Giugiaros Italo-Keilform nicht mehr viel übrig. Dafür hatten die Esprit der vierten und letzten Generation ab 1996 einen V8-Motor, der mit zwei Turboladern aus seine 3,5 Litern Hubraum 355 PS herausholte und es auf eine Maximalgeschwindigkeit von 280 km/h brachte. Im Jahr 2004 stellte Lotus die Produktion des Esprit ein.

Fazit: Der Lotus Esprit ist eins dieser 1970er-Autos, deren Keilform man erst auf den zweiten Blick überhaupt glauben mag. Bequem oder gar praktisch war er nie – doch er legte etliche grossartige Filmauftritte hin und brachte es trotz aller Probleme zu einer erstaunlich langen Bauzeit: Erst 2004 lief die Produktion aus.

 

Oberstes Bild: Lotus Esprit Concept vorgestellt im Rahmen des Pariser Autosalons 2010 (© {{{1}}}, Wikimedia, CC)

Über Christine Praetorius

Christine Praetorius, Jahrgang 1971, spricht und schreibt über Neues, Altes, Schönes und Kurioses. Ich liebe Sprache und Musik als die grössten von Menschen für Menschen gemachten Freuden – und bleibe gerne länger wach, um ihnen noch etwas hinzuzufügen. Seit 2012 arbeite ich mit meinem Mann Christian als freie Texterin, Autorin und Lektorin.


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