Autofahren mit einer Behinderung – was bieten behindertengerecht umgebaute Fahrzeuge?

13.05.2014 |  Von  |  Allgemein, Auto
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Autofahren mit einer Behinderung – was bieten behindertengerecht umgebaute Fahrzeuge?
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Eine Strecke von A nach B mit dem eigenen Fahrzeug zu überbrücken gehört im Grunde zu den Selbstverständlichkeiten, wenn man alt genug für einen Führerschein ist. Doch es gibt eben auch Menschen, für die das Fahren eines Pkw keine Selbstverständlichkeit ist: Menschen mit einer körperlichen Behinderung.

Nicht wenige Automobilproduzenten bieten bereits ab Werk Fahrzeuge an, die behindertengerecht umgebaut sind, und zusätzlich haben sich einige Unternehmen als Umbaubetriebe darauf spezialisiert, Menschen mit Handicap das Autofahren wieder zu ermöglichen. Welche Möglichkeiten sich für Menschen mit einer Behinderung bieten, werden wir nachfolgend versuchen aufzuzeigen.



Eine Behinderung bedeutet nicht automatisch das Ende des Autofahrens

Wer hat sich nicht selbst schon dabei ertappt, dass er bei Parkplatzknappheit in den Innenstädten einen Behindertenparkplatz anvisiert hat? Auch ohne die notwendige Berechtigung, dort zu parken. Da schocken dann auch die 120 Franken nicht wirklich, wenn man um einen Parkplatz verlegen ist und die Zeit drückt. Plus das Risiko, dass man abgeschleppt wird.

Dabei muss man sich einfach nur überlegen, dass die Parkplätze ja nicht ohne Sinn und Verstand dort ausgeschildert wurden und nicht den Zweck haben, Parkplatzsuchende zu ärgern. 780’000 Schweizer leben mit einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung. Ein nicht geringer Anteil dieser Menschen ist im sogenannten führerscheinfähigen Alter, darf also ein Fahrzeug führen. Und das sollen sie auch tun, sofern ihre Behinderung das Steuern eines Fahrzeuges zulässt, denn die Zeiten, da es Menschen mit einer Behinderung verwehrt wurde, ein Auto zu lenken, gehören der Geschichte an.

Für diese Menschen ist der Behindertenparkplatz nicht nur sinnvoll, sondern von grundlegender Wichtigkeit. Also, bevor man selbst unberechtigt einen derartigen Parkplatz nutzt, sollte es helfen, kurz nachzudenken und sich zu vergegenwärtigen: Selbst schwere körperliche Behinderungen bedeuten nicht mehr automatisch, dass die betroffene Person kein Fahrzeug mehr führen kann.





Für Autofahrer mit einer Behinderung sind Spezialparkplätze von grundlegender Wichtigkeit. (Bild: Gary Whitton /Shutterstock.com)

Für Autofahrer mit einer Behinderung sind Spezialparkplätze von grundlegender Wichtigkeit. (Bild: Gary Whitton /Shutterstock.com)

Wie sicher ist das Autofahren ohne Pedale oder ohne Lenkrad?

Wer erstmals in ein Fahrzeug schaut, das behindertengerecht umgebaut wurde, dem drängt sich der Eindruck auf, er würde in das Cockpit eines Flugzeugs blicken. Oder in eine mobile Spielkonsole. Nicht wenige Automobilhersteller haben in enger Zusammenarbeit mit Spezialisten aus dem Fahrzeugumbau dafür Sorge getragen, dass selbst Personen, die beide Beine verloren haben, ein Fahrzeug führen können. Und in den kommenden Jahren, so die Autokonzerne, wird die Technik umfangreich erweitert, um so noch mehr Sicherheit zu schaffen und noch mehr Personen mit einem körperlichen oder geistigen Handicap das Führen eines Fahrzeuges zu ermöglichen. Damit sie weiter an Teilhabe am Alltagsleben gewinnen.

So wird bereits jetzt mit Hochdruck daran gearbeitet, dass es in absehbarer Zukunft Pkw gibt, die sich mittels Joystick lenken lassen, wodurch nicht nur das Lenkrad, sondern auch die Pedale obsolet werden. Aber das ist eben noch Zukunftsmusik.

Viel realer sind Modifikationen der Türen, die sich per Knopfdruck schon heute automatisch öffnen lassen. Auch die Umgehung der Pedale mit einer Steuerung per Handgas ist bereits gängige Praxis bei Fahrzeugen, die für Menschen umgebaut werden, die zum Beispiel querschnittsgelähmt sind. Hinzu kommen dann Sitze, die sich komplett drehen lassen und so ein Gleiten in den Rollstuhl vom Fahrersitz aus ermöglichen.

Behindertengerecht umgebautes Fahrzeug (Bild: Mario Roberto Duran Ortiz, Wikimedia, CC)

Behindertengerecht umgebautes Fahrzeug (Bild: Mario Roberto Duran Ortiz, Wikimedia, CC)




Behindertengerechte Autos haben ihren Preis



Wer sich sein Fahrzeug vollständig behindertengerecht umbauen lassen will, muss dafür immer noch tief in die Tasche greifen. Muss der Pkw basierend auf der Behinderung komplett umgebaut werden, muss man mit einem Preis rechnen, der den regulären Anschaffungspreis des Basismodells, welches umgebaut wird, um ein Vielfaches toppt. Modifikationen am Fahrzeug, die in Bereiche von 100’000 Franken gehen, sind dabei nicht ausgeschlossen.

Da ist die Standheizung am Pkw, die dafür sorgt, dass der Rollstuhlfahrer die für ihn unerreichbaren Scheiben nicht mehr vom Eis befreien muss, noch einer der geringsten Faktoren. Zudem kommt auf den Behinderten noch der Behördengang zu, bei dem geklärt werden muss, welcher Umbau durchgeführt werden sollte, damit die gehandicapte Person auf sichere Weise am Strassenverkehr teilnehmen kann.

Nachrüstlösungen bieten neue Mobilität

Eine sehr gebräuchliche Modifikation an einem Fahrzeug, das behindertengerecht umgebaut wird, ist der sogenannte Gasring. Hierbei handelt es sich um einen konzentrischen Ring, der mit Leder überzogen ist. Angebracht wird der Gasring unter oder auf dem Lenkrad, mit welchem der Pkw serienmässig ausgestattet ist. Durch Druck auf den Gasring erfolgt die Steuerung des Gasgebens.

Nachrüstlösungen bieten neue Mobilität (Bild: Photographee.eu / Shutterstock.com)

Nachrüstlösungen bieten neue Mobilität (Bild: Photographee.eu / Shutterstock.com)

Doch nicht nur das Gaspedal wurde „nach oben“ verlegt, sondern auch die Bremse findet sich in Lenkradnähe. Ein Hebel muss dazu betätigt werden, der auf Druck reagiert. Bewegt der behinderte Fahrer den Hebel in Richtung der Scheibe, werden die Bremsen des Pkw angesprochen. Durch diese einfache Konstruktion bleiben sämtliche Airbags im Fahrzeug, die der Sicherheit der Insassen dienen, voll funktionsfähig.

Die Originalpedale verbleiben im Pkw, wodurch der Wagen auch für Fahrer ohne Behinderung und Übung im Umgang mit dem speziellen Equipment nutzbar bleibt. Licht, Scheibenwischer, Hupe und Blinker lassen sich über ein einfaches Pad steuern. Mit nur einem Fingerdruck, ohne die Hand vom Lenker nehmen zu müssen.

Umfangreicher wird es dann, wenn Hebebühnen oder Rampen für Rollstühle implementiert werden müssen. Über die Hebebühne gelangt der Rollstuhlfahrer ins Fahrzeuginnere. Die Hintertüre des Wagens wird per Knopfsteuerung geöffnet und automatisch setzt sich die Verladerampe in Bewegung. Der Rollstuhlfahrer fährt dann quasi ins Innere des Pkw und nimmt hinter dem Steuer Platz. Es liegt in der Natur dieses umfangreichen Umbaus, dass dafür hohe Kosten anfallen.

Ford versucht immer stärker, Fahrzeuge so zu konzipieren, dass sie auch von Behinderten in Anspruch genommen werden können. Mehr als 5300 Fahrzeuge für das spezielle Marktsegment lieferte Ford im Jahr 2013 aus, die Kölner Autoschmiede steigert den Absatz behindertengerechter Pkw ab Werk Jahr für Jahr. Doch nicht nur, dass Ford die Fahrzeuge ab Werk liefert; das Unternehmen ermöglicht sogar einen Preisnachlass, wenn man einen Behindertenausweis beim Kauf vorlegt.

Der B-Max und der Kuga sind die Fahrzeuge aus der Kölner Flotte, die am häufigsten behindertengerecht modifiziert werden. Doch auch Nissan, Opel und VW bedienen die Schiene. Opel plant sogar über die Opel Special Vehicles GmbH, von der bisher spezielle Umbauten zum Beispiel für Krankentransportfahrzeuge vorgenommen werden, den Markt der behindertengerechten Pkw zu bedienen. Klar ist, immer mehr Fahrzeughersteller verlieren die Berührungsängste mit Behinderten und schneiden Pkw passgenau auf die Bedürfnisse dieser Menschen zu.



 

Oberstes Bild: Mobil sein ist auch für Menschen mit einer Behinderung möglich. (Edler von Rabenstein /Shutterstock.com)

Über Christian Erhardt

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